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Lüneburger Ehrenamt - Lehren aus Covid-19

From Lünepedia

Vorstellungsvideo der Forschungsgruppe

Eine Gruppe von vier Studierenden untersuchte im Zuge eines transdisziplinären Forschungsprojektes in den Nachhaltigkeitswissenschaften das Lüneburger Ehrenamt in Zeiten von COVID-19. Geschaut wurde, was dafür gesorgt hat, dass Ehrenamtliche in dieser Zeit mehr oder weniger aktiv waren, was aus der Situation gelernt werden kann und wie dieses Wissen genutzt werden kann, damit das Lüneburger Ehrenamt auch in zukünftigen Krisensituationen weiter stattfinden kann. Dieser Artikel stellt die Ergebnisse vor, damit ehrenamtlich Engagierte sie nutzen können.

Allgemeines[edit]

Wir[1] sind Studierende im vierten Semester der Umweltwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Unser Projekt fand im Rahmen des Seminars “Mosaique - Haus der Kulturen” im transdisziplinären Modul “Forschungsprojekt in der Nachhaltigkeitswissenschaft” statt. Das Seminar wurde von Dr.in Eva Kern geleitet. Ziel war ein wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn für die Studierenden und ein praktischer Erkenntnisgewinn für unseren Projektpartner, das Mosaique[2] und Menschen in Lüneburg.

Wir haben uns dafür entschieden, uns mit dem Lüneburger Ehrenamt in Zeiten von COVID-19 zu beschäftigen und herauszufinden, was dafür sorgt, dass Ehrenamtliche gerade mehr oder weniger aktiv sind, was aus der aktuellen Situation gelernt werden kann und wie Ehrenamtliche sich dieses Wissen transformativ nutzbar machen können, um auch in zukünftigen Krisensituationen weiter aktiv sein zu können.

Aus unserer Umfrage und dem anschließenden Workshop (siehe Transdisziplinarität und Methodik) haben wir unser endgültiges “Produkt” entwickelt, was eine Zusammenfassung unseres Projekts und unserer Ergebnisse in diesem Lünepedia-Artikel darstellt. Damit versuchen wir, unsere gesammelten Informationen und Tipps zum Ehrenamt in Zeiten der Krise an alle Praxispartner*innen und alle weiteren interessierten Menschen zurückgegeben - auch mit dem Ziel, den Austausch von Ehrenamtlichen zu ermöglichen.

Relevanz des Projekts[edit]

Ehrenamt macht einen unverzichtbaren Teil unserer Gesellschaft aus. Mit all den verschiedenen Prozessen menschlichen Miteinanders und Sich-Einsetzens für unterschiedlichste Ziele macht Ehrenamt unsere Gesellschaft lebendig. Indem es schult, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, bildet es ein Fundament für Demokratie. Feststeht, dass viele Bereiche ohne freiwilliges Engagement nicht auskommen würden. In Deutschland engagieren sich laut Freiwilligensurvey der Bundesregierung aus dem Jahr 2014 mehr als 31 Millionen Menschen ehrenamtlich und es ist schwer vorstellbar, wie unser Leben ohne deren Engagement aussehen würde. Ganz besonders in Lüneburg spielt ehrenamtliches Engagement eine sehr große Rolle und trägt zur nachhaltigen Entwicklung der Stadt bei.

Indem mit COVID-19 ein Teil dieses Ehrenamts wegbricht, ist Lüneburg mit einer Gefahr konfrontiert, deren Auswirkungen nicht einfach zu überblicken sind. Je nachdem, wie lange die Einschränkungen anhalten und welche langfristigen Folgen sich daraus ergeben, verändert sich das Ehrenamt - und damit auch die Gesellschaft - mehr oder weniger stark. Deshalb war es uns einerseits ein Anliegen, herauszufinden, wie stark sich COVID-19 überhaupt auf die Situation des Lüneburger Ehrenamts auswirkt und welche Faktoren andererseits dafür sorgen, dass Menschen während der Pandemie mehr oder weniger engagiert sind.

Wir halten allein schon dieses Verständnis für wichtig und haben zusätzlich die Hoffnung, dass sich aus den Ergebnissen unseres Projekts Maßnahmen ableiten lassen, die es dem Lüneburger Ehrenamt ermöglichen, auch in schwierigen Zeiten möglichst widerstands- und veränderungsfähig zu sein. Die Lehren aus unserem Projekt werden im Kontext der aktuellen Coronakrise relevant sein, wenn die Einschränkungen weiter andauern beziehungsweise wieder erhöht werden. Außerdem gehen wir davon aus, dass unsere Ergebnisse auf zukünftige ähnliche Krisen und eventuell weitere Pandemien übertragbar sind.

Transdisziplinarität und Methodik[edit]

Initiativen und Einsatzbereiche, von denen mindestens eine Person an der Umfrage beteiligt war

In unserem Forschungsprojekt haben wir einen transdisziplinären Ansatz verfolgt. Transdisziplinarität bedeutet, dass Wissenschaftler*innen nicht nur innerhalb ihres Fachbereiches oder verschiedene Fachbereiche zusammen forschen, sondern aktiv andere (Praxis)Akteur*innen und damit auch andere Arten von Wissen mit einbinden.[3] Im Fall unseres Projekts war das notwendig und hilfreich, weil wir durch den ständigen Austausch mit Ehrenamtlichen und Expert*innen einen praxisnahen Blick auf die Situation im Ehrenamt gewinnen konnten und somit auch an einer Fragestellung gearbeitet haben, die für Lüneburger Ehrenamtliche relevant und interessant ist.

Daher sind wir direkt zu Beginn des Projekts mit Ehrenamtlichen in offenen, informellen Austausch über unsere Fragestellung gekommen und haben diese entsprechend an die zu diesem Zeitpunkt prägende Situation der Coronakrise angepasst. Als Hauptmethode wurde eine Umfrage durchgeführt, um quantitativ die Faktoren zu ermitteln, die dazu beitragen, dass Ehrenamtliche in dieser Zeit mehr oder weniger aktiv sind. Um die Umfrage zu erstellen, haben wir zwei Expert*inneninterviews geführt: Andreas Sedlag konnte uns als Coach und Kompetenztrainer wertvolle Hinweise zum Begriff der Resilienz und dessen Verknüpfung zu Ehrenamtlichen geben. Dank Kerstin Schreibers Expertise von der FreiwilligenAgentur[4] des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Lüneburg konnten wir den Fragebogen zudem genauer an die aktuelle Situation der Ehrenamtlichen anpassen und verständlicher formulieren. Durch die Umfrage konnten wir dann zahlreiche Stimmen von Ehrenamtlichen einbinden und somit durch die Vielfalt an Gruppen und Arten von Ehrenamt einen diversen Blick gewinnen. Gleichzeitig wurde das Angebot, offene Antworten und Anmerkungen zu hinterlassen, sehr intensiv genutzt, wodurch wir auch individuelle Eindrücke erhalten konnten.

Wir haben die Umfrage hauptsächlich mithilfe der Software R[5] statistisch ausgewertet. Aus den offenen Antworten konnten wir aber ebenfalls hilfreiche Informationen und Rückmeldungen ziehen. Anschließend an die Umfrage haben wir einen Workshop mit Ehrenamtlichen im Mosaique durchgeführt, um die ersten Ergebnisse zu teilen, Austausch anzuregen und einige der aktuellen Themen weiterzudenken.

Ergebnisse[edit]

Ehrenamtliche Aktivität der Befragten während COVID-19 im Vergleich zur Zeit davor

Umfrage[edit]

An unserer Umfrage haben 170 Menschen teilgenommen, die in 98 verschiedenen Initiativen aktiv sind oder es vor der Coronakrise waren. Davon haben 65,4% angegeben, weiblich zu sein, 30,7% männlich und 2,8% divers. Die Geschlechterverteilung im ehrenamtlichen Engagement Lüneburgs ist demnach etwas stärker weiblich geprägt als im gesamtgesellschaftlichen Vergleich mit 52,9% weiblichen und 47,1% männlichen Engagierten.[6] Es hat sich gezeigt, dass besonders viele junge Menschen an unserer Umfrage teilgenommen haben. Die anderen Altersgruppen sind aber zu ähnlichen Anteilen vertreten. Die Dominanz jüngerer Engagierter lässt sich auch bundesweit wiederfinden [7].

Über die Hälfte aller Teilnehmer*innen haben angegeben, ehrenamtlich aktiv zu sein, um etwas zu verändern, Zeit mit Menschen zu verbringen, Sinn in der eigenen Tätigkeit zu finden und Spaß zu haben. Etwa ein Viertel gab als Motivation an, Wertschätzung zu erfahren, Qualifikationen zu erwerben, sich mit verschiedenen Generationen auszutauschen oder andere Gründe zu haben. Kaum ins Gewicht fiel der Grund, etwas dazuverdienen zu wollen. Über die Hälfte der Teilnehmenden gab an, dass ihnen das Ehrenamt während der Coronakrise dadurch geholfen habe, dass Austausch mit anderen Menschen stattfand und sinnvolle Tätigkeiten durchgeführt wurden. Etwa ein Viertel gab an, keine Hilfe durch das Ehrenamt bekommen zu haben. Niemandem half das Ehrenamt durch finanzielle Vergütung.

Während der Corona-Krise waren 15,7% gar nicht mehr ehrenamtlich aktiv. 23,9% waren deutlich weniger und 23,3% weniger engagiert. Demnach hat bei zwei Dritteln der Teilnehmenden während der Zeit das Engagement abgenommen. Nur 15,7% waren genauso aktiv wie vor der Krise. Auf der anderen Seite waren 18,0% mehr und 3,5% deutlich mehr aktiv. 75,6% gaben an, nach der Corona-Krise wieder so aktiv wie vorher sein zu wollen, 18,1% möchten aktiver als zuvor und nur 6,3% weniger oder gar nicht mehr ehrenamtlich engagiert sein.

Die Ergebnisse unserer Umfrage haben wir auch statistisch ausgewertet, um noch mehr interessanten Fragen auf den Grund gehen zu können und einen möglichen Zusammenhang zwischen einzelnen Fragen und Antworten zu finden. Besonders interessiert hat uns dabei, was aktuell dazu führt, dass Menschen gerade mehr oder weniger ehrenamtlich aktiv sind. Demnach haben wir drei Kategorien an Faktoren herausgefunden: Faktoren, die sich gerade positiv auf das momentane ehrenamtliche Engagement auswirken; Faktoren, die das momentane Ehrenamt behindern und zuletzt Faktoren, die keinen Einfluss auf das momentane ehrenamtliche Engagement zu haben scheinen.

Gründe, weshalb sich Ehrenamtliche in Lüneburg engagieren

Faktoren, die gerade einen positiven Einfluss auf das momentane ehrenamtliche Engagement haben, sind zuerst einmal die allgemeine Motivation, sich überhaupt ehrenamtlich zu engagieren. Besonders Menschen, die mit der Ausübung ihres Ehrenamts einen Sinn in der eigenen Tätigkeit finden möchten, etwas verändern wollen oder Wertschätzung erfahren möchten, engagieren sich gerade mehr. Auch die persönliche Verfassung wirkt sich positiv auf das ehrenamtliche Engagement aus. Hierbei stachen vor allem die persönliche Motivation heraus, aber auch, dass man momentan finanziell keine Sorgen hat. Nicht nur die persönliche Situation, sondern auch die Situation und Stimmung in der Gruppe war ausschlaggebend. Je positiver diese ist, desto mehr engagieren sich Ehrenamtliche gerade. Zudem haben die Häufigkeit der Treffen eine Rolle für mehr Engagement gespielt, sowie die Wahrnehmung der Coronakrise in der Gesellschaft. Die Personen, die gerade Solidarität in der Gesellschaft als wichtig empfinden, engagieren sich auch mehr. Zuletzt hilft das Engagement während der Pandemie vielen Ehrenamtlichen, da es ihnen eine Struktur im Alltag gibt, sie dadurch in einen Austausch mit anderen Menschen gelangen und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.

Faktoren, die das momentane ehrenamtliche Engagement eher behindern, sind zuallererst, dass aufgrund der Kontaktbeschränkungen viele Ehrenämter gerade nicht stattfinden können. Aber selbst wenn das Ehrenamt stattfinden kann, fühlen sich viele Ehrenamtliche überlastet, weswegen ihr ehrenamtliches Engagement eher hintenan gestellt wird. Besonders betont wurden persönliche Gründe für einen Rückzug vom Engagement wie Krankheit, Betreuung von Angehörigen oder aber auch das Zählen zur Risikogruppe sowie die geringe Attraktivität des Ehrenamts durch die Digitalisierung. Viele möchten neben Beruf und Studium nicht auch noch das Ehrenamt digital ausführen.

Eigenschaften von ehrenamtlichem Engagement, die Engagierten in Zeiten von COVID-19 geholfen haben

Faktoren, die keinen Einfluss auf das momentane ehrenamtliche Engagement zu haben scheinen, sind zuallererst Alter und Geschlecht. Aber auch die Rolle, die eine Person in ihrem Ehrenamt innehat, hat keinen Einfluss darauf, ob sie sich gerade mehr oder weniger engagiert. Des Weiteren hat auch der finanzielle Anreiz, den das Ehrenamt in manchen Fällen bietet, keinen Einfluss. Ehrenamtliche, die sich momentan engagieren, sind gerade nicht von anderen Dingen so eingenommen, dass ihr Ehrenamt hinten runterfällt, sondern widmen ihre zur Verfügung stehende Zeit ihrer gemeinnützigen Tätigkeit.

Zuletzt haben wir noch untersucht, welche Wünsche und Bedürfnisse während der Coronazeit bei den Ehrenamtlichen aufgekommen sind. Diese wünschen sich vor allem mehr Zeit für ihr Ehrenamt, aber auch Motivation. Momentan fehlt es vielen an einer Perspektive und es gibt in vielen Gruppen kein konkretes Ziel, auf das hingearbeitet werden kann. Außerdem haben viele Menschen geäußert, dass sie sich wieder zunehmend “echte” Treffen wünschen mit klaren, eindeutigen und umsetzbareren behördlichen Regelungen, um diese so angenehm wie möglich für alle Teilnehmenden gestalten zu können. Sollten echte Treffen jedoch nicht möglich sein, hätten viele Ehrenamtliche gerne mehr Ideen und Inspiration zur Online-Vernetzung, um eine Weiterführung des Ehrenamts wenigstens online und mit Freude zu ermöglichen.

Workshop[edit]

Präsentation der bisherigen Ergebnisse des Forschungsprojekts im Zuge des Workshops im Mosaique

Am 06.07.2020 konnten wir die Räume des Mosaique nutzen und haben einen Workshop für Ehrenamtliche angeboten, bei dem wir zunächst unsere bisherigen Ergebnisse des Projekts teilen durften. Während der interaktiven Phase des Workshops haben wir die Ehrenamtlichen dazu eingeladen, sich über diverse Themen auszutauschen und diese zu diskutieren.

Die Diskussion am ersten Tisch beschäftigte sich mit dem Entstehen neuer Formen von Ehrenamt. Schnell war klar, dass nicht alle Formen von Ehrenamt, welche es vor der Coronakrise gab, einfach währenddessen digital weitergehen können. Gerade für diese und auch allgemein wurde versucht, Ideen zu sammeln, wie man auch diese nicht-digitalisierbaren Formen des Ehrenamts erreichen kann. Hierbei sind neue Ideen gerade für die Betreuung von alten und kranken Menschen entstanden. Es wurden aber auch Themen wie Nachbarschaftshilfe, Hilfe von jung für alt, Ehrenamt als Schulfach und noch viele weitere interessante Ideen gesammelt, welche in diesem neu entstandenen Pad gesammelt sind. Trotzdem wurde noch einmal ausführlich besprochen, welches Potential digitale Veranstaltungsformate und Treffen bergen. Zuletzt kam die Diskussion zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen und Ehrenamt auf und die Frage, inwieweit ein bedingungsloses Einkommen (mehr) Anreiz für ehrenamtliches Engagement schafft und somit das Schaffen eines Mehrwertes für die Gesellschaft honoriert, was perfekt an die Diskussion an Tisch 2 anschließt.

Kennenlernen und Austausch zwischen den Ehrenamtlichen

Am zweiten Tisch wurde über den Zusammenhang der finanziellen Situation mit dem Ausüben ehrenamtlicher Tätigkeiten gesprochen. Weil viele Ehrenämter wenig finanzielle Mittel haben, muss oft von Aktiven persönlich investiert werden. Gerade während der Corona-Krise stand das Ehrenamt vor zum Teil auch finanziellen Herausforderungen, während sich zugleich auch persönliche finanzielle Probleme verschärften. Finanzielle Hürden, ein Ehrenamt auszuüben, wurden so durch die Krise besonders deutlich. Deshalb wurde über verschiedene Möglichkeiten diskutiert, diese Hürden auch über die aktuelle Situation hinaus zu verringern. Es wurde darüber gesprochen, dass die nachträgliche Erstattung von persönlichen Ausgaben nicht immer sinnvoll ist, da sie zu Kürzungen von Finanzhilfen führen kann, weshalb eher eine Vorfinanzierung sinnvoll sein könnte. Dabei wurden tiefer liegende gesellschaftliche Probleme im Umgang mit finanziell schwächer Aufgestellten deutlich.

Gewerbeanmeldungen können eine Möglichkeit der Finanzierung sein, die aber für viele eine Hürde darstellen. Deshalb wurde darüber diskutiert, ob bezahltes Ehrenamt eine Lösung sein könnte. Dabei stellten sich jedoch Fragen danach, wie sich dann vor externer Einflussnahme geschützt werden könne, ob Ehrenamt hierdurch exklusiv werde, ob bezahltes Ehrenamt widersprüchlich sei und wie man mit Gewinnerwartungen umgehen könnte. Anschließend wurde über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Grundrente oder eine lokale Zweitwährung gesprochen. Beides könnte einen positiven Einfluss haben, ist aber mit größeren Änderungen verbunden. Auch Boni könnten eine Lösung darstellen, wie etwa freier Eintritt in Museen. Auch Freiwilligendienste können durch ein Taschengeld die Ausübung eines Ehrenamts wenigstens befristet ermöglichen.

Außerdem wurde ein Tauschhandel von Fähigkeiten, das Teilen von Gegenständen und stärkere Vernetzung als Möglichkeiten angesprochen, Geld zu sparen. Dies könnte auch nachbarschaftlich oder in Form von Wohnprojekten möglich sein. Auch eine Patenschaft von Menschen mit Zeit zum Ehrenamt, aber wenig Geld zusammen mit Menschen, die genug Geld, aber keine Zeit haben, wäre möglich. Dies alles sind Ansätze, die durch Selbstorganisation Ehrenamt ermöglichen können, ohne auf Änderungen “von oben” angewiesen zu sein.

Wünsche für Diskussionsthemen von den Teilnehmenden

Die Diskussion am dritten Tisch drehte sich um Lehren, die aus der Coronakrise in Bezug auf das Ehrenamt und allgemein gezogen werden können. Hierbei wurde vor allem diskutiert, dass zwar besonders zu Beginn der Kontaktbeschränkungen große Hilfsbereitschaft und Solidarität gezeigt wurden, jedoch Hilfesuchende und -anbietende nicht angemessen vernetzt waren. Hilfe konnte somit oft nicht auf einfachem und niedrigschwelligen Weg angefragt oder angeboten werden. Dazu passend wurde die Bedeutung tragender Netzwerke in Zeiten der Krise diskutiert. Neben Familie und Freunden wurde hier auch die Bedeutung von Ehrenamt sowie lokaler Hilfe vor Ort wahrgenommen: Vor allem kleinere Gruppen von Ehrenamtlichen waren besonders unterstützend und stellten einen Ankerpunkt dar, selbst wenn das ehrenamtliche Engagement nicht wie gewohnt ausgeführt werden konnte. Die Vorteile kleinerer Gruppen können dabei auch auf die allgemeine Versorgung in der Gesellschaft übertragen werden, beispielsweise was Pflegeeinrichtungen und Kliniken, aber auch Stadtteilhäuser oder lokale Lebensmittel angeht: Je kleiner die Einheiten und je direkter die Vermittlung, desto unabhängiger und resilienter war in der Regel auch die Versorgung.

Abgesehen von Solidarität wurden im Zuge der Coronakrise jedoch auch verschärfte Ungleichheiten wahrgenommen, besonders zwischen Generationen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Um diese auszugleichen, brauchen Benachteiligte neben staatlichen Hilfen auch ein unterstützendes, soziales Netzwerk. Daher schien es den Teilnehmer*innen besonders wichtig, inklusive Formate im Ehrenamt zu wählen, um auf den Einbezug aller zu achten. So können beispielsweise Telefonketten diejenigen erreichen, die nicht digital vernetzt sind, und Nachbarschaftshilfe kann in Wohnblöcken beispielsweise etagenweise organisiert werden, um über kleinere Gruppen Ausschluss zu vermeiden und mehr gegenseitige Verantwortung wahrzunehmen. Entsprechend hilfreich ist bei einer solchen dezentralen Organisation dann auch die Koordination von Hilfsangeboten und deren Vernetzung.

Diskussion an den Thementischen

An Tisch vier wurde das Thema der Vernetzung im Ehrenamt weiter vertieft, das am dritten Tisch bereits angerissen wurde. Die Ausgangsthese war, dass es viele Hilfsangebote gebe, besonders während der Corona-Krise, dass aber häufig gar nicht klar sei, ob und wo die Hilfe überhaupt gebraucht würde. Es wäre also möglich, dass eine bessere Vernetzung von Hilfsangeboten und -nachfrage dazu führen würde, dass insgesamt mehr Leute ehrenamtlich engagiert sind. Es kam die Frage auf, ob es denn in Lüneburg eine Institution gibt, die genau diese vermittelnde Aufgabe erfüllt. Die Freiwilligenagentur und Lebendiges Lüneburg haben sich bereits, wenn auch auf unterschiedliche Weise, diese Vernetzung zur Aufgabe gemacht und die Servicestelle Ehrenamt des Projekts Zukunftsstadt Lüneburg 2030+ möchte diese Aufgabe in naher Zukunft zusätzlich übernehmen. Die Frage ist, ob diese Institutionen es schaffen können, die Vernetzung im Ehrenamt ausreichend zu übernehmen. Am Tisch wurde dann weiter die Unterscheidung zwischen Stadt und Landkreis Lüneburg getroffen, wobei die Empfindung so war, dass es in der Stadt mehr Hilfsangebote und weniger Suchende gab als im Landkreis. Ein Fokus einer vernetzenden Institution könnte also auch besonders darauf liegen, sich zu bemühen, Hilfsangebote dort, wo es geht, an den Landkreis zu vermitteln. Möglicherweise wäre es ein guter Schritt, unterschiedliche Akteur*innen zusammenzubringen, um gemeinsam zu überlegen, wie die Vernetzung im Lüneburger Ehrenamt gut funktionieren kann. Dieser Prozess, so wurde angemerkt, müsse aber möglichst viele und wichtige Akteur*innen einschließen und dürfe nicht zu sehr von einer zentralen Stelle in einem “Top-Down-Schema” reguliert sein.

Nach diesen einführenden Gedanken folgten einige weitere Überlegungen. Zum Beispiel wurde die Frage aufgeworfen, ob es wirklich ein Vernetzungsproblem während der Corona-Krise gab, oder ob es nicht vielleicht deshalb schwierig war, Hilfesuchende für alle Hilfsangebote zu finden, weil viel ehrenamtliche Arbeit in dieser Zeit aufgrund der Kontaktbeschränkungen schlichtweg nicht möglich war. In diesem Fall wäre eine bessere Vernetzung weniger relevant. Ein weiterer Diskussionspunkt waren Barrieren in und Zugang zu Vernetzung. Vielleicht gab es mehr Hilfesuchende Einzelpersonen oder auch Initiativen und Organisationen, die aber zu den Formen von Vernetzung, die oft digital stattgefunden haben, keinen Zugang hatten. Digitales kann in diesem Fall eine Hürde darstellen. Zuletzt wurde kommentiert, dass zu bedenken sei, dass möglicherweise Vernetzung dieser Art insofern Grenzen hat, als dass nicht alle Menschen bereit sind, ehrenamtliche Tätigkeiten jeglicher Art zu übernehmen. Besonders während der Corona-Krise sei es möglich, dass viele Leute, die ihre Hilfe angeboten haben, zwar bereit gewesen wären, in der Nachbarschaft zu helfen, nicht aber, andere Aufgaben in Initiativen und Organisationen zu übernehmen, die diese Hilfe vielleicht gerade brauchen. Wenn dem so wäre, würde auch dieser Punkt die Relevanz der Vernetzung von Hilfsangeboten und -nachfragen im Ehrenamt verringern.

Kritische Reflexion unseres Projekts[edit]

Um mögliche Verzerrungen unserer Forschung reflektieren zu können, wollen wir mit einer kritischen Reflexion abschließen. An unserer Umfrage muss kritisch betrachtet werden, dass wir zwar die Möglichkeit gegeben haben, diese auch analog auszufüllen, von 180 Teilnehmenden jedoch nur fünf in analoger Form teilgenommen haben. Dies kann Angaben zu digitaler Einschränkung, aber auch zu anderen Faktoren beeinträchtigt haben. Diese Verzerrung haben wir versucht, durch den analogen Workshop auszugleichen. Außerdem waren etwa 50% der Teilnehmenden der Umfrage unter 25 Jahre alt, was zu einer Dominanz dieser Altersgruppe in den untersuchten Faktoren geführt haben könnte. Wiederum haben wir versucht, den Workshop ausgleichend zu nutzen, in dem der Altersdurchschnitt über 50 Jahren lag.

Während der interaktiven Phase des Workshops haben wir die Ehrenamtlichen eigene Themen wählen lassen und somit eine Vorbeeinflussung der Diskussion vermieden; allerdings war unser studentischer und wissenschaftlicher Blickwinkel sicherlich an vielen Stellen des Projekts prägend: Wir haben uns zwar wie im Methoden-Teil beschrieben um eine transdisziplinäre Herangehensweise bemüht, jedoch bei Arbeitsschritten wie der Umfrageerstellung oder auch der statistischen Auswertung selbst entschieden, welche Faktoren beziehungsweise Korrelationen relevant sein könnten. Bei der Umfrage konnten wir dank der zahlreichen Teilnehmer*innen dann repräsentative Ergebnisse erzielen, beim Workshop hingegen stellen die Diskussionen eher neue Anregungen und Blickwinkel dar, die wir qualitativ für den Abschluss unseres Projekts sowie für weitere mögliche Schritte nutzen konnten.

Weitere Schritte[edit]

Mit den Ergebnissen, die wir in unserer Umfrage und auch in unserem Workshop erzielt haben, möchten wir keine allgemeinen Handlungsempfehlungen geben, wie sich Initiativen und Organisationen am besten während einer Krisensituation verhalten sollen. Stattdessen möchten wir euch ermuntern, euch die Ergebnisse durch die Brille eurer Initiative anzuschauen und herauszufinden, an welchen Stellen sie zu euren Strukturen und Bedürfnissen passen. Wir würden uns wünschen, dass unsere Ergebnisse vielleicht einen Impuls geben, regelmäßig innerhalb eurer Initiativen über das ein oder andere Thema zu reflektieren, um das ehrenamtliche Engagement in der jeweiligen Initiative widerstandsfähiger und nachhaltiger zu gestalten. Trotzdem soll unsere Projektarbeit an dieser Stelle nicht enden. Wir möchten den Wunsch nach mehr Vernetzung des Lüneburger Ehrenamtes, der vermehrt im Workshop an uns herangetragen wurde, aufgreifen und auf dieser Plattform den ersten Schritt wagen. Dafür haben wir einen weiteren Artikel zum Thema Vernetzung im Ehrenamt geschrieben, der die drei großen Vernetzungsstellen des Lüneburger Ehrenamtes vorstellt, die FreiwilligenAgentur[8], die Servicestelle Ehrenamt[9] und Lebendiges Lüneburg[10].

Außerdem möchten wir an dieser Stelle auf eine weitere Möglichkeit der Vernetzung in Lüneburg hinweisen, nämlich die Wirk.Mach(t).Treffen[11]. In diesen geht es darum, den ehrenamtlich engagierten Personen in Lüneburg die Gelegenheit zu geben, sich über Probleme und Hindernisse im Ehrenamt auszutauschen. Um das in den verschiedenen Initiativen vorhandene Wissen zu nutzen und gemeinsam mehr zu bewegen, finden im Rahmen des Eine Welt-Promotor*innen-Programms[12] seit Anfang 2019 regelmäßig Vernetzungstreffen, die "Wirk.Mach(t).Treffen", statt.

Einzelnachweise[edit]